Marokintana – die vielen Sterne Madagaskars
Von Kirsten Clahr. Fotos Kirsten Clahr & Beo Brockhausen.
Sterne am Himmel, Sterne in der Erde & Sterne im Meer
Vor der Nordwestküste Madagaskars liegt Nosy Be, die „große Insel“, umgeben vom warmen Blau des Indischen Ozeans. Die tropische Insel mit ihren grünen Hügeln, weißen Stränden und zahlreichen vorgelagerten kleinen Inseln ist ein Ort, der zwar touristisch erschlossen, aber glücklicherweise noch von großen Hotelanlagen und internationalem Massentourismus weitgehend verschont geblieben ist. Wer hierher reist, findet nicht nur Sonne und Meer, sondern auch eine einzigartige Natur mit einer faszinierenden Tierwelt und Begegnungen mit Menschen, deren Freundlichkeit und Gelassenheit den besonderen Rhythmus der Insel ausmachen. „Mora Mora“ (langsam, langsam, immer mit der Ruhe) ist dann auch die grundlegende Lebenseinstellung auf Nosy Be.
Nach Sonnenuntergang zeigt sich zuerst die Venus am Abendhimmel, doch schon kurze Zeit später funkeln unzählige Lichtpunkte in der Dunkelheit. In Madagaskar muss man aber nicht nur nach oben schauen, um Sterne zu finden. In der Erde befinden sich kostbare Sternsaphire, die bei entsprechendem Lichteinfall einen sechsstrahligen Stern zeigen, als hätte die Erde ein Stück des Himmels eingefangen. Und dann gibt es auch noch die Sterne im Meer: Auf Madagassisch heißt der Walhai „Marokintana“, was „viele Sterne“ bedeutet. Das Muster aus unzähligen Punkten und Linien auf dem größten Fisch des Ozeans muss die Menschen hier wohl an den Sternenhimmel erinnert haben. Welch ein schöner Name für den sanften Giganten!
Unser idealer Standort zur Erkundung der Insel und ihrer Unterwasserwelt ist das 3-Sterne-Hotel Corail Noir an der Nordwestküste von Nosy Be mit angeschlossenem Aktivitäten- und Tauchzentrum Aqua Diving. Nachdem wir den ersten Tag mit Entspannen, der Erkundung des Ambaro-Strandes und des tropischen Hotelgartens verbracht haben, starten wir in den folgenden Tagen mit dem Tauchprogramm. Moana, der Manager der Tauchbasis, hat bereits einen Plan, was er mir alles zeigen möchte. Und ich kann schon mal vorwegnehmen, dass meine Erwartungen absolut übertroffen werden. Jeder Tag und jeder Tauchgang hält neue Überraschungen bereit.

Besonders beeindruckt bin ich von den riesigen Gorgonien, die an zahlreichen Tauchplätzen zu finden sind. Ihren absoluten Höhepunkt erreichen sie am spektakulären Tauchplatz Atnam. Hier befinden sich in einer Tiefe von 35 bis 42 Metern diese wunderschönen Korallen von geradezu gigantischem Ausmaß, während Makrelen und Barrakudas durch die Schluchten ziehen. Dies ist ein Traumspot für Weitwinkelfotografen. Weiter oben auf dem Riffplateau entdecken wir Lobster, einen Schaukelfisch, einen juvenilen Rhinopias, Nacktschnecken, Süßlippen und kleine Fischschwärme.
An den zahlreichen anderen Tauchplätzen der nächsten Tage begegnen uns große Schwärme von Barschen, Süßlippen, Füsilieren und Midnight Snappern. Aber auch vereinzelte Riffhaie, Thunfische, Schildkröten und gelegentlich ein Mobula kreuzen unseren Weg. Dazu kommen zahlreiche Makrolebewesen wie Anglerfische, Seepferdchen und Nacktschnecken, darunter auch die winzige „Shaun the Sheep“.
Im Naturschutzgebiet von Tanikely Island erstaunen mich die vielen Pilzkorallen und schwarzen Korallen in geringer Tiefe, in denen sich Barsche verstecken. Auch einige Riffhaie und diverse Rochen, die über die Sandflächen schweben, können wir beobachten. Sogar ein Gitarrenrochen und ein Marmorrochen sind mit dabei.
Für weitere Abwechslung sorgen einige Wracks, wobei mein persönliches Highlight das Wrack der Mitsio ist. Sie liegt auf 27 Metern Tiefe im Sand und ist mittlerweile das Zuhause unzähliger Fische. Schon beim Abtauchen erkennt man in der Tiefe ein Gewimmel von Makrelen, Schnappern und kleinen Barschen. Am Wrack selbst entdecken geübte Augen gut getarnte Steinfische, Drachenköpfe und Krokodilfische. Bunte Schwämme und Kelchkorallen, die bei Strömung ihre Polypen öffnen, haben das Wrack ebenfalls erobert. Der Spot hat sich zu einem tollen, artenreichen künstlichen Riff entwickelt – wirklich sensationell!
Nach zwei Tauchgängen am Vormittag kehren die Boote mittags ins Corail Noir zurück. Nun bleibt Zeit für Entspannung an einem der beiden Pools oder auf den Liegen unter Kokospalmen mit Blick auf den Ozean und die gegenüberliegende Insel Sakatia. Auch ein Gang durch die weitläufige Gartenanlage lohnt sich. Riesige Mangobäume spenden Schatten, exotische Blumen verbreiten einen intensiven Duft, und wer genau hinschaut, entdeckt vielleicht auch das eine oder andere Chamäleon, das beinahe unsichtbar zwischen Ästen und Blättern lauert. Zweimal am Tag bringt zudem ein kleines Boot Hotelgäste an einen privaten Strand auf der Insel Sakatia – Robinson-Crusoe-Feeling garantiert. Bevor es am Abend zum Sundowner an die Bar geht, genieße ich gern noch eine Massage im hauseigenen Massagehäuschen am Meer.
Madagaskar hat sich im Laufe seiner Erdgeschichte von den anderen Landmassen getrennt und durch die lange Isolation eine Tier- und Pflanzenwelt entwickelt, die es in dieser Form nirgendwo sonst gibt. Die berühmtesten Vertreter Madagaskars sind sicherlich die großäugigen Lemuren. Auch auf Nosy Be und den umliegenden Inseln können die Primaten beobachtet werden. Aqua Diving hat selbstverständlich auch hierfür einige Touren für uns geplant. Auf Nosy Komba erleben wir die Tiere aus allernächster Nähe, so zutraulich und neugierig, dass sie sogar auf unsere Köpfe oder Schultern springen – welch unvergessliche Momente!
Eine wahre Traumtour mit Südsee-Flair ist ein Bootstagesausflug zur Insel Nosy Iranja: puderweiße Strände und Sandbänke, das tiefblaue und türkisfarbene Meer – und wir haben sogar noch das Glück, auf dem Weg von zwei Buckelwalen überrascht zu werden.

Der letzte größere Regenwald von Nosy Be befindet sich im rund 860 Hektar großen Lokobe-Nationalpark. Allein die Tour dorthin ist schon ein großartiges Erlebnis. Unser Ausflug führt uns zunächst mit einem traditionellen Ausleger-Einbaum übers Meer. Eine halbe Stunde paddeln wir bis zu einem Strand, an dem die Wanderung in den Park beginnt. Neben den Lemuren, die durch die Baumgipfel hüpfen, dürfen wir verschiedene Chamäleons, darunter ein winziges Exemplar, Frösche, einen nachtaktiven Maki, eine Madagaskar-Boa, andere Schlangen, Vögel und diverse Geckos beobachten. Nach einem erlebnisreichen Tag und einem leckeren Mittagessen an einem Strand paddeln wir voller großartiger Eindrücke fröhlich wieder zurück. Auf der Autofahrt ins Hotel liegt der Duft von Ylang-Ylang in der Luft, während sich am Straßenrand das alltägliche Leben abspielt.
Nach fast zwei Wochen ist es dann plötzlich so weit: Auf der Rückfahrt von einem Tauchplatz im Mosambik-Kanal stoppt Moana das Boot und ruft uns zu, schnell Flossen und Maske zu schnappen. Und dann schwebt er an uns vorbei: der erste Walhai der Saison. Marokintana – die vielen Sterne Madagaskars begegnen uns nun auch im Meer.

Ich nehme viele besondere Momente von dieser Reise mit nach Hause. Nosy Be ist eben eine Insel, auf der die Sterne nicht nur am Himmel funkeln.
Kirsten Clahr
September 2026

























































